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Der blaue Punkt.

Wer hat das Potential zum i – Tüpfelchen in meiner Gruppe?

Auch was Ismael angeht, erhöre ich dich: Siehe, ich segne ihn, ich mache ihn fruchtbar und mehre ihn über allen Maßen. Zwölf Fürsten wird er zeugen und ich mache ihn zu einem großen Volk.
Gen 17,20

Die Frage schwingt vom ersten Tag an mit. Manchmal leise, unbewusst und kaum merkbar. Manchmal zwar lautlos aber dominierend wie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Manchmal so laut, dass es alle Gefragten nervt. In der ersten Schulwoche aber, direkt nach den Sommerferien scheint es neben dieser Frage keine andere mehr im Mikrokosmos der Ignatianischen Schülergemeinschaft (ISG) am Canisius Kolleg zu geben. Alle fragen sich, wer wohl am Samstag zur Gruppenleiterin und zum Gruppenleiter gewählt wird. Wetten werden abgeschlossen, Favoriten genannt und intensiv Bewerbungen verfasst. Dann ist es soweit. Die Wahlversammlung kommt zusammen. Sie setzt sich aus zwei zwölfköpfigen Leiterrunden zusammen, die jene etwa 60 Bewerbenden gut kennen. Denn sie haben diese Jugendlichen die letzten vier bis fünf Jahre begleitet.
Wer sich zur Wahl stellt, erklärt sich bereit, die nächsten fünf Jahre für eine Schulstufe wöchentliche Gruppenstunden, Übernachtungswochenenden und zweiwöchige Sommerfahrten zu organisieren. Dafür erhalten sie in der ISG eine fundierte Ausbildung. Von der großen Schar werden nur sechs Jungs und sechs Mädchen gewählt. Der Wahlvorgang folgt einem klaren Schema und kann bis tief in die Nacht dauern. Wenn er vor 22:00 Uhr nicht beendet ist, werden die Gewählten erst am nächsten Tag nach 09:00 Uhr angerufen. Das Wahlgremium ist sich bewusst, dass es eine möglichst heterogene Leiterrunde wählen soll. Denn die Erfahrung lehrt, dass eine Pluralität an Begabungen und Persönlichkeiten über die Jahre besser trägt als eine zu homogene Gruppe. Dadurch werden auch die unterschiedlichsten Charaktere der anvertrauten Kinder eher abgeholt. Gleichzeitig muss das Team lernen, die Gegensätzlichkeiten als Gewinn statt als Belastung zu sehen. Das ist kein selbstverständlicher Prozess. Hier hilft die große Erfahrung der beiden ehemaligen Gruppenleiter, die das frisch gebackene Team begleitet.
In einem ersten Schritt des Wahlvorgangs werden Portraitfotos der Kandidierenden aufgehängt und die Leiter erhalten Klebepunkte in vier Farben: rot, gelb, grün und blau. Rot bedeutet „Veto“, also ich habe bei dieser Person große Bedenken. Gelb ist optimistischer, ich kann mir vorstellen den Jugendlichen vorstellen. Und Grün markiert eine für mich 100-prozentige Kandidatin. Der blaue Punkt hat eine besondere Bedeutung. Damit werden jene markiert, die das Potential haben, sich in der richtigen Konstellation zum i-Tüpfelchen der Leiterrunde zu entwickeln. Oft sind es Jugendliche, die vielleicht nicht sofort ins Auge stechen, aber gerade so eine wichtige Perspektive in die Gruppe bringen können. Manchmal ist es jemand, die mit ihrem Gerechtigkeitssinn zunächst nervt, aber doch auf Wichtiges hinweist. Oder ein junger Mann, dessen Lebensweg von Schicksalen geprägt war und er so gelernt hat, sich nicht vom ersten Eindruck täuschen zu lassen.

Der blaue Punkt bricht die Lanze für sie, wie Abraham für Ismael. Vielleicht müssen ihre beiden Begleiter für sie in der Runde verstärkt eintreten. Aber so bekommen sie wie der Erstgeborene eine Chance, zum Segen für viele zu werden.
Ihre Schützlinge beginnen bald das i-Tüpfelchen der Runde zu schätzen – auch wenn es nicht immer ausgesprochen wird, beweist es deren eigene Kandidatur zum Gruppenleiter.