Zum Inhalt springen

Ich wäre schon zufrieden, wenn …

In der Sorge um Menschen, die dir anvertraut sind – wo wurden deine Erwartungen übertroffen?

Dann sagte Abraham zu Gott: Wenn nur Ismael vor dir am Leben bleibt!
Gen 17,18

Es ist Freitagabend, schon dunkel, die Mitarbeiter sind nach Hause gegangen. Im Jugendclub ist noch Licht. Ich gehe hinüber, um es auszuschalten. Doch da ist ja noch jemand! Florin packt gerade das Saxophon in den Koffer. Er habe noch einmal üben wollen, bevor er nach Hause gehe, meint er und streicht mit der Hand über das Instrument. Dann verabschiedet er sich, froh, dass er am Montag wieder kommen darf.

Wie glücklich waren wir, als es gelang, Florin für den Jugendclub zu gewinnen! Mit seinen vielen Geschwistern haust er bei seinen Eltern. Bei den paar Schritten von der Straße in ihr Haus versinkt man im Schlamm. Nur nicht ausrutschen! In dem kleinen Raum türmen sich haufenweise Decken und Kleidungsstücke. Auf einem Hocker steht ein Topf mit Schweineschwarten, die im Fett brutzeln. Wie sie dort – zu neunt – mitten in den Bergen von Unrat sitzen oder schlafen, kann ich mir nicht vorstellen. Die Kinder gehen nicht oft zur Schule, auch die Großen haben nicht mehr als drei Klassen abgeschlossen. Ein Wunder, dass Florin beim Jugendclub mitmachen durfte und wollte. Er kommt immer und das pünktlich. Wir entdeckten, dass er wider Erwarten gut lesen konnte – noch ein Wunder! Wir ließen ihn einen Text vorlesen. Zunächst zitterte er am ganzen Leib, aber er gewann immer mehr Sicherheit. Dann sah er unsere Töpferwerkstatt und fragte, ob er einmal mitmachen dürfe. Geduldig übte er das Formen der Tonerde und bald schon schuf er seine ersten Kunstwerke, Raben und Schälchen. Eines Tages fragte ich ihn, ob er nicht bei uns mitarbeiten wolle. Er könne viel lernen und dann auch seine Familie unterstützen. Er freute sich – und stand am nächsten Morgen vor der Türe. Er bekam Arbeitskleidung und gute Schuhe, in dem großen Kleiderhaufen zuhause hatte er nichts Passendes gefunden. Ich schlug ihm vor, an den Wochentagen bei uns zu wohnen. Seither wohnt und arbeitet Florin bei uns. Nach einem ausgefüllten Tag sitzt er glücklich in seinem Zimmer und genießt die Ruhe, die er zuhause nicht hat. Vielleicht ist es das Saxophon, das ihn aus dem Schlamm herauszieht.

Es ist fast zu viel des Guten. Das verwahrloste Kind übertrifft alle unsere Erwartungen. Bei seinen Geschwistern können wir schon froh sein, wenn sie überhaupt den Weg ins Sozialzentrum finden, er aber kommt auch noch zum Töpfern und zum Musizieren. Wenn er nur auf dem guten Weg bleibt! Darum beten wir wie Abraham für seinen schwierigen Sohn, als ihm die große Verheißung geschenkt wurde. „Wenn nur Ismael vor dir am Leben bleibt!“

Bei allen Sorgen, allem Zittern, bei allen Misserfolgen – unser Leben mit den Roma-Kindern wird von Überraschungen überstrahlt. Vieles läuft anders als wir uns das vorstellen. Auf jedes einzelne Kind, dem es gut geht, will ich schauen und das Wunder nicht für selbstverständlich nehmen. Das lässt mich den Weg mit allen weitergehen und Tag für Tag hoffen.