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Die Welt liegt uns zu Füßen

Wen frage ich um Rat? Wie reif ist meine Entscheidung?

Da sagte der HERR: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich tun will?
Gen 18,17

Die Welt liegt uns zu Füßen! Das ist Fluch und Segen zugleich. Das Universum der Möglichkeiten kann erschrecken. Die Angst etwas zu verpassen, treibt viele Jugendliche vor sich her. Das Weglegen des Handys gleicht einem kalten Entzug. Keep your options open, dominiert den Alltag. Es könnte noch etwas Besseres kommen. Schnell eine Absage getippt, vielleicht noch mit einem Emoji versüßt, und schon ist eine Zusage kurzfristig verflogen. Es ist nicht immer leicht mit solchen Enttäuschungen umzugehen. Der Alltag der Unverbindlichkeit verlangt viel Geduld und einen langen Atem in der Begleitung. Unverblümt spiegelt er eine tiefe Not, eine Überforderung, geradezu eine Angst vor Entscheidungen. Insbesondere bei jungen Erwachsenen, zwischen 25 bis 35 Jahren wird dieses Ringen besonders deutlich. Sie haben ein Alter erreicht, wo sich grundsätzliche Lebensentscheidungen kaum noch aufschieben lassen. Der gewählte Schwebezustand raubt zu viel Lebensenergie. In den jesuitischen Zukunftswerkstätten in Innsbruck und Frankfurt am Main gibt es Angebote, die bei der Entscheidungsfindung helfen sollen. Dort liegen finden sich kleine Kärtchen, die mit folgenden acht Schritten Tipps fürs Entscheiden geben wollen. (1) Schau deine Träume und Sehnsüchte an. Wo zieht es dich hin? (2) Erkenne deine Talente. Wo hast du Fähigkeiten und Stärken? (3) Frage dich: Wo werde ich gebraucht? Die Not der Welt ist ein Anruf Gottes. (4) Entwickle Alternativen. Leg dich nicht vorschnell fest. (5) Hole dir Rat. (6) Sei ehrlich zu dir selbst. (7) Bring „Kopf“ und „Bauch“ zusammen. Wo hast du ein gutes Gefühl. (8) Entscheide dich! Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung.
Gerne hätte ich dieses Kärtchen auf der Suche nach meiner Berufung schon gehabt. In diesen einfachen Hinweisen steckt viel Weisheit. Auch für alltägliche Entscheidungen sind sie hilfreich. Wir versuchen sie daher schon frühzeitig in der Jugendarbeit zu vermitteln, so dass die Heranwachsende sowohl Freude am Entscheiden als auch den bereichernden Umgang mit Fehlentscheidungen erleben können.
Mir persönlich ist der fünfte Tipp häufig ein hilfreiches Korrektiv im Unterscheidungsprozess. Freilich hole ich mir gerne Rat, um die Meinung eines anderen zu hören. Aber nicht nur diese ist mir wichtig. Beinahe ebenso wertvoll erlebe ich es, meine Gedanken ordnen zu müssen, mich selbst hören sowie meine Gefühle beim Sprechen spüren zu können. Allein diese Handlungen des Aussprechens und Hörens haben oft klärende Wirkung. Noch wichtiger aber scheint mir, die Wahl der Person, an die ich mich wende. Suche ich für meine Gedanken beziehungsweise meiner schon gefassten Entscheidung eher Zustimmung oder sind sie schon reif für einen potenziellen Widerstand. Kann ich alle meine Überlegungen dazu offen aussprechen, oder verheimliche ich das eine oder andere, um Kritik zu vermeiden? Merke ich im Diskurs, dass ich bei Anfragen in eine beleidigte Verteidigungshaltung versinke. Kann ich in der Kritik noch Wohlwollen erkennen? Mute ich der Beziehung mit der anderen Person Unstimmigkeit zu? Oder verheimliche ich ihr die volle Wucht meiner Entscheidung, um das Verhältnis nicht allzu sehr zu strapazieren. Hält mein Entschluss eine Enttäuschung einer mir wichtigen Person aus? So treten beim Ratholen Erkenntnisse auf den verschiedensten Ebenen, wie etwa auf der Sach- und Beziehungsebene zum Vorschein und helfen mir in der Abwägung.
Welche Ebenen mögen wohl alle bei Gottes Überlegungen mitschwingen? Traut er etwa Abraham die Wucht seiner Entscheidung nicht zu, weswegen er sie ihm verheimlichen soll? Oder ist er selbst von der Auslöschung der beiden Städte gar nicht so überzeugt, und fürchtet durch die Reaktion Abrahams verunsichert zu werden? Was auch immer mitschwingen mag, die Frage offenbart einen ringenden Gott, der seine Zusage an den Menschen ernst nimmt, obwohl ihm die Welt zu Füßen liegt.