Zum Inhalt springen

Abbruch!

Für wen bin ich bereit gegen eine Autorität in die Bresche zu springen?

Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten in ihrer Mitte?
Gen 18,24

Abbruch! Schluss! Es reicht! Tabula rasa! Wer kennt diesen Aufschrei nicht? Wenn es nicht mehr so läuft, wie es sollte. Wenn einem alle Möglichkeiten einer Wendung entgleiten. Dann Abbruch. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, heißt es doch erfahrungsgesättigt.
Wer Verantwortung übernimmt, ist ständig mit den Fragen konfrontiert, wo Grenzen zu setzen und wie sie einzufordern sind. In der Begleitung von Kindern und Jugendlichen sind sie Alltag. Grenzen sollen einen sicheren Raum für alle schaffen. Je transparenter die Regeln vermittelt werden, desto mehr können die einzelnen Heranwachsenden Verantwortung übernehmen. Umso mehr können sie auch kritisch hinterfragt und dem Kontext angepasst werden. Je größer die Gemeinschaft, desto starrer wirkt das Regelkorsett. Denn jede Ausnahme wird schnell von anderen als Freibrief verstanden, wie der vergangene Sommer zeigte.
Schon die Vorbereitungen auf die Fahrt nach Spanien verliefen holprig. Viele Zugeständnisse wurden den Zehntklässlern gemacht. Das verbindliche Programm reduzierte sich auf ein Minimum. Kaum bei der Unterkunft angekommen, riefen die Nachbarn die Polizei, da Jugendliche deren Grundstück betraten, mit Wasserbomben warfen und deren Pool verwenden wollten. Nach einigen Interventionen schien sich die Gruppe langsam aufeinander und den Rahmen eingelassen zu haben. Die Begleitung freute sich über die neue Stimmung. Doch die Freude währte nicht lange. In der dritten Nacht verließ eine Gruppe das Haus, um in einem Nachbarort im Club zu feiern. Fotos auf dessen Instagram-Account zeigten fünf Teilnehmer. Da sie alle unterschiedliche Cliquen angehörten, war klar, dass mindestens die Hälfte der fünfzigköpfigen Gruppe dabei war. Aber die fünf schwiegen. Mir riss der Geduldsfaden. Abbruch, tabula rasa! Doch die jugendliche Begleitung sprang wie Abraham in die Bresche. Das wäre nicht fair für jene, die nicht beteiligt waren. Dann sollen aber die fünf nach Hause geschickt werden, polterte ich weiter. Aber nur weil sie bereit sind, die anderen nicht zu nennen, sollen sie als Exempel dienen? Es wurde hin und her argumentiert. Am Schluss blieben alle. Die Eltern der fünf wurden vorgewarnt, dass beim nächsten kleinen Regelverstoß ihr Kind von der Fahrt ausgeschlossen wird. So wanden wir uns durch die restlichen Tage.
Direkt nach der Spanienfahrt folgte ein Segelturn mit gut achtzig Jugendlichen der neunten Stufe. Sie hatten von den Ereignissen in der Vorwoche Wind bekommen. Was müsste denn passieren, um von einer Fahrt zu fliegen? Auch in diesen Tagen wurden Regeln gebrochen, Gespräche geführt und Grenzen ausgelotet. Als in der letzten Nacht sechszehn Teenager ausbüchsten und erst um fünf Uhr morgens wieder eingefangen waren, staunten sie über die Konsequenz, nun von der Fahrt ausgeschlossen zu sein. Sie mussten ihre Heimreise selbständig antreten. War ihr Übermut eine Folge unserer früheren Nachsicht, die sie als Inkonsequenz interpretierten? Zumindest meldete dies die Gruppe der Ausreiser in der Nachbearbeitung zurück.
Wie auch immer. Manchmal ist der Abbruch die notwendige Lösung und manchmal löscht er den glimmernden Docht aus. Dies zu unterscheiden ist eine hohe Kunst, die sich nur in einer wohlmeinenden Fehlerkultur entfalten kann. In einer Kultur, in der Menschen bereit sind, gegen Autoritäten für eine Minderheit in die Bresche zu springen. Selbst mit der Gefahr, inkonsequent zu wirken.

Für wen bin ich bereit gegen eine Autorität in die Bresche zu springen?