Wie finden wir Menschen, die Mut haben und brennen?
Abraham antwortete und sprach: Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.
Gen 18,27
Eines Tages erhielten wir eine unverhoffte Einladung: Zwei Mädchen mit grell gefärbten Haaren – früher waren sie in unserem Sozialzentrum gewesen, dann aber wieder verschwunden –überbrachten uns ein großes Papier von ihrem Chef; seinen Namen dürften sie nicht nennen. Wir würden staunen, wer es sei! Sie wollten uns zur „Villa Caschin“ führen. Neugierig gingen wir mit. Vielleicht konnten wir die beiden Mädchen doch noch retten?
Bald standen wir vor einem Abbruchhaus hinter viel Gestrüpp, ohne Türe, mit eingeschlagenen Fenstern. Überall Spinnweben. Durch einen Haufen Abfall zogen uns die Mädchen ins Haus und hinauf in den oberen Stock, den sie ein wenig hergerichtet hatten. Eine dicke graue Decke war auf den Türstock genagelt. Da erschien Mihai, unser gefürchteter Rocker, und bat uns in einen großen Raum, der von Kerzen erleuchtet war. Strom gab es hier keinen. Aus dem Dunkel traten immer mehr alte Freunde heraus. Mihai beherbergte hier neun Jugendliche, mit denen wir nicht fertiggeworden waren. Wir sollten Platz nehmen auf Matratzen und feuchten Decken, die sie aus einem alten Hotel besorgt hatten. Mihai befahl seinen Leuten, uns Gästen Plastikbecher mit Cola anzubieten. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, aber noch mehr staunte ich über den Chef des Hauses. Er erzählte, wie sie die Ruine erobert hatten. Und berichtete ganz ernst, dass er morgens alle wecke. Bevor sie ausströmten, werde aufgeräumt und gekehrt. Jeder und jede bekomme eine Aufgabe. Dazu gehöre es, Essen zu beschaffen und zu schauen, wem es auf der Straße schlecht gehe.
So hat Mihai seine Gemeinschaft geschaffen. In unserem Sozialzentrum gab es mit ihm zu oft Schlägereien, er hatte die einfachsten Regeln nicht akzeptiert, hier aber führte er ein strenges Regiment. Die zwei Mädchen standen unter seinem persönlichen Schutz. Sogar ein Abendgebet, an dem alle mitmachen, hatte er eingeführt. Im Vergleich zur „Villa Caschin“ ging es in unserem Sozialzentrum Lazarus locker zu.
Als wir aufbrechen wollten, erhob er sich zu einer kleinen Rede. Er dankte für die Ehre des Besuchs und wollte wissen, ob wir zufrieden seien. Heute verstehe er, warum er bei uns rausgeflogen sei. Es falle ihm schwer, das auszusprechen, doch er habe noch ein Anliegen. Jetzt kommt der Preis für den Besuch, dachte ich. Was könnten wir für diese hungrige Horde tun? Leise fragte Mihai, ob wir ihnen zehn Gebetshefte aus unserer Kapelle geben würden. Die Lieder könnten sie alle auswendig, aber bei den Psalmen, da kämen sie nicht weiter … Die kleinen Rockerinnen begleiteten uns zurück nach Hause. Nur zu gerne gaben wir ihnen die zehn Hefte mit.
Heute, zwanzig Jahre später, ist der tätowierte Mihai in unserem neuen Haus in Bukarest das Herz einer Gemeinschaft von Menschen, die auf der Straße waren. Er brennt für die Ärmsten.
„Wer Glut haben will, soll sie nicht auf den Berggipfeln suchen, wo man nur Sturm erntet; er soll sich lieber bücken und sie unter der Asche suchen.“ (Elie Wiesel) So haben wir endlich die kostbare Säule für unser jüngstes Werk gefunden. Einen Menschen wie Abraham, der Gott antwortete: „Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.“ Die jüdische Weisheit sagt: Es ist die Art des Feuers, sich in der Asche zu verbergen.