Für wen bin ich Fürsprecher?
Da sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.
Gen 18,30
Ohne seine Fürsprecherinnen und Fürsprecher wäre Hans nicht mehr Mitglied unseres Jugendverbands. Die letzten sechs Jahre hat er eine Grenze nach der anderen ausgereizt oder einfach ignoriert. Anhand frischer Penisgraffitis konnte man erahnen, wo auf dem Schulgelände sich der Junge bewegt hatte. Wenn es irgendwo knallte, folgte sein unverwechselbarer Lacher. Offene Fenster, schmale Geländer, Straßenlaternen, was auch immer reizten ihn zum Klettern. Als Kind war er kaum zu bändigen, tanzte seinen Gruppenleitern auf der Nase herum, war aber auch bei jedem Treffen und jeder Veranstaltung dabei. So sehr seine Begleiter auch stöhnten, sie ertrugen und hielten ihn.
Während der Jugendexerzitien verbrachte der 13jährige vermutlich weniger Zeit in seinem Zimmer als bei den anderen. Das Aushalten von Stille war für ihn eine einzige Zumutung, was er die anderen Teilnehmer spüren ließ. Aber auch hier brachen die jungen Begleiterinnen gegen die Leitung für ihn die Lanze. Er durfte den Kurs abschließen.
Ein Jahr später wurde er zusammen mit elf anderen zum Gruppenleiter gewählt. Für diese heiß begehrten Ämter hatten sich knapp sechzig Jugendliche beworben. Die Hälfte des Wahlgremiums bestand aus Hans ehemaligen Gruppenleitern. Im Gegensatz zur Erwachsenenleitung trauten sie ihm diese Verantwortung zu. Und so wurde er zum Paradebeispiel, wie ein und dieselbe Person in unterschiedlichen Rollen agieren kann. Sobald er mit seinen Grüpplingen unterwegs war, handelte er souverän, hingebungsvoll, leidenschaftlich. Kaum waren sie außer Sichtweite lebte sein bekanntes Ego wieder auf. So bekräftigte sein Verhalten bei der einwöchigen Gruppenleiterschulung alle vorhandenen Zweifel. Doch wieder sprachen sich die studentische Begleitung für ihn aus. „Das wird schon. Wirst sehen, unser Vorbildleiter Stephan war genauso.“, besänftigten sie den Zweifler. Auf dem ersten gemeinsamen Sommerlager glänzte Hans dann auch. Für keine Aufgabe war er sich zu schade, zeigte eine reife Urteilsfähigkeit und eine beeindruckende Ausdauer.
Natürlich versuchte er als Fünfzehnjähriger ständig bei den Partys an den Alkohol zu kommen und es brauchte große Anstrengungen, ihn nach 22:00 hinauszubegleiten. Dann hüpfte er vor dem Schulgelände, bis die Party vorbei war. Auf der Sommerfahrt nach Spanien riss der Geduldsfaden. Innerhalb von drei Tagen hatte er eine andere Reisegruppe in den Wahnsinn getrieben, die Nachbarn veranlasst, die Polizei zu rufen und sich nächtens in Clubs im Nachbarort ausgelebt. Er war kurz davor seines Amtes enthoben zu werden. Da trat sein älterer Bruder für ihn in die Bresche. Ihm war bewusst, wie viele Augen schon für den Jüngeren zugedrückt worden waren. Er war selbst Gruppenleiter gewesen. Keine seiner Aktionen versuchte er zu verharmlosen. Er bat nur um eine letzte Chance und versicherte, er würde mit seinem Bruder ein ernstes Wort sprechen.
Abraham rechtfertigt das Verhalten der Bewohner von Sodom nicht. Er wird nur nicht müde, auf das Gute und Gerechte hinzuweisen, mag es im Verhältnis noch so gering sein. Dieser Blick ist wesentlich. Es ist genauso wirklich wie all das Falsche und Nervende. Doch gilt nach biblischer Überzeugung, dass das Gute im wahrsten Sinn des Wortes weitaus radikaler, also tiefer und kraftvoller wurzelt. Es kann tausendfach Frucht bringen.
Heute zählt Hans zu den kreativsten und verlässlichsten Kraftquellen unter den Verantwortungsträgern. Seine Energie scheint weiterhin uferlos. Hin und wieder muss die eine oder andere Grenzlinie markiert werden. Aber weitaus öfter weitet er mit seinen Wahrnehmungen und Ideen den begrenzten Blick der Leitung. Seinen vielen Fürsprechern sei Dank.