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Eine überzogene Leugnungsspirale

Ein kleiner Lacher, ein rohes Ei, beides nichts Schlimmes, aber mit einer Portion Angst haben sie Sprengkraft.

Sara leugnete: Ich habe nicht gelacht. Denn sie hatte Angst. Er aber sagte: Doch, du hast gelacht.
Gen 18,15

Ausgeschlafen sieht anders aus! Gut, das kann nach einer Übernachtung in den Jugendräumen auch nicht erwartet werden. Aber so blass und mit rotumrandeten Augen gleichen sie schon fast den Helden aus den Vampirfilmen „Twilight“. Völlig überdreht versuchen sie sich wach zu halten und einen lebendigen Eindruck zu geben. Aber es war offensichtlich, dass sie nicht wie vereinbart um 01:00 Uhr nachts sich hingelegt hatten. Das war insofern ärgerlich, da es der erste Vertrauensversuch nach der Eskalation beim letzten Sommerlager war. Damals sind zehn von ihnen nachts um 02:00 Uhr von der Unterkunft abgehauen und erst morgens um 05:30 Uhr zurückgeschlichen. Sie mussten wenige Stunden später das Lager verlassen. Nach den Ferien gab es mehrere Gespräche und einen Workshop über die Bedeutung von Regeln. Dabei vereinbarten wir ein Konzept, das diese Nacht ausprobiert wurde und zum Scheitern verurteilt war. Sie leugneten ihr Fehlverhalten nicht, sondern versuchten mit allen Kräften einen guten Eindruck zu hinterlassen. Doch fehlte ihnen die Energie, sich auf den anspruchsvollen Inhalt des Firmkurses einlassen zu können. Auch den kaum älteren Teamern fielen immer wieder die Augen zu. Nach der abschließenden gemeinsamen Messe war die Luft bei allen draußen und die Gruppe löste sich schnell auf. Unausgesprochenes blieb zurück.
Bevor ich es ansprechen konnte, erzählte mir eine aus dem Team, was alles in den Nachtstunden passiert war. Auslöser war ein rohes Ei, das um etwa 01:30 Uhr – als alle in ihren Zimmern waren – durch die Türe ins Mädchenzimmer flog. Das konnte freilich so nicht stehen gelassen werden, also stürmten die Mädchen einige Zeit später mit gefüllten Wasserbomben das Jungszimmer. Und so schraubte sich die Rachespirale in die Höhe. Mit Mühe versuchten die Teamer, Herr der Lage zu werden. Aber die aufgescheuchten zwei Dutzend Teenager waren kaum zu bändigen. Erst im Morgengrauen gelang es ihnen. Anschließend wischten sie noch die Flure trocken. Bis hierher klangen die Schilderungen zwar mühsam, aber nicht ganz ausgefallen für eine Jugendfahrt. Blöd wurde es erst, als zwischen den Zeilen sich so langsam herausfilterte, dass vermutlich das Ei von zwei der Teamer und gar nicht von den Jungs ins Zimmer geworfen worden war. Diese Vermutung machte das eben Erzählte doch um einiges komplizierter. Denn es begann am Vertrauensnetz unter den Leitenden zu zerren. In den darauffolgenden Einzel- und Gruppengesprächen mit dem Begleitungsteam wurde geleugnet und sich gegenseitige Beschuldigungen zugeworfen. Alte Geschichten schienen mitzuschwingen. Kaum schien eine Entwirrung im Blick, bildete sich ein neuer Knoten. Über Ecken erfuhr ich, dass einzelne Leiter Angst hätten, ihr Amt zu verlieren. Andere wiederum stellten mir direkt ein Ultimatum, dass sie das Handtuch werfen würden, wenn nicht jene gingen, die das Ei geworfen hätten. Dabei waren sie gar nicht dabei, da sie erst am Morgen zur Gruppe hinzugestoßen waren. Und die beiden Beschuldigten leugnen es bis heute. Wem also kann man glauben? Die Situation erweist sich also als kompliziert. Die unterschiedlichen Aussagen haben sich in einer Leugnungsspirale verfangen. Nun scheint sich aus einem kleinen Streich eine Auflösung anzubahnen. Das wäre für alle Beteiligten schade, denn dann hätte die Angst vor den Folgen die Gemeinschaft gesprengt, anstatt ihr den nötigen Schutzraum zu geben. Gerade das hatten die zehn Ausreißer im Workshop gefordert: Regeln mit klaren Konsequenzen. Sind diese aber überzogen – und das Urteil darüber ist meist sehr subjektiv – öffnen sie den Raum für Leugnungen jeglicher Art. Selbst unsere Erzmutter Sara rang damit. Kann sie ihrem Gegenüber vertrauen? Was also hilft, die konstruktive Mitte zu finden, so dass sich das Team wieder finden kann? Ich bin gespannt – im wahrsten Sinn des Wortes.