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Heimfahrt mit Waisenkindern

Das Geschenk von Weihnachten ist der Blick auf das Kind. Welche Kinder wurden mir geschenkt? In der Familie, im Beruf, in der Freundschaft.

Was wird wohl aus diesem Kind werden?
Lk 1,68

Je älter ich werde, desto wichtiger wird es für mich, auf die Kinder zu schauen und darauf, was aus ihnen geworden ist.

Im Advent besuchten uns in der ELIJAH-Gemeinschaft Rebeca und Estera, Zwillinge, inzwischen fünfundzwanzig. Mit eineinhalb Jahren hatten wir sie aus einer staatlichen Einrichtung geholt, einem Erbe der Ceauşescu-Zeit. Sie konnten noch nicht gehen, weil sie immer im Gitterbett gelegen waren. Wegen der vielen Babys, die in der Station waren, hatte das Personal keine Zeit für Zuwendung, die Säuglinge wurden bloß zweimal am Tag gewaschen und gewickelt. Wie freudig waren unsere Heimfahrten mit 24 Kindern, jedes Mal mit zwölf Babys in den Armen! Nach wenigen Tagen konnten fast alle Kinder laufen. Sie waren die Schätze in unserer neu aufgebauten „Stadt der Kinder“ in Ploieşti.

Vierundzwanzig Jahre später standen nun die Zwillinge an unserem Tor, gemeinsam mit ihren Partnern. Einer der beiden Männer durchbrach unser wortloses Staunen und heftiges Umarmen: „Ich wollte euch danken für meine Frau. Schaut, was ihr aus den Kindern gemacht habt!“ Lachend einigten wir uns darauf, dass Gott es ist, der Wunder wirkt. Aber wir hatten ein paar Jahre die schöne Aufgabe der Erziehung gehabt, was nicht immer leicht gewesen war. Rebeca und Estera haben studiert und sind tüchtige Frauen geworden, eine managt eine Großkonditorei, die andere ist Lebensmittelchemikerin. Während der Ausbildung haben sie in einem armen Roma-Viertel Kindern geholfen. „Wir wollten weitergeben, was wir bekommen haben“, sagten sie.
Die Zwillinge haben inzwischen ihre familiären Wurzeln gefunden. Sie haben fünfzehn Geschwister, deren Namen sie aufzählen konnten. Bei der Beerdigung der Mutter, die an Krebs gestorben war, waren sie alle da. „Gott schenke ihr den Frieden.“ Den Vater wollten sie nicht sehen, er hatte, wenn er betrunken war, die Mutter und die Kinder oft geschlagen. Immer wieder kam er ins Gefängnis und die Kinder ins Heim. „Ich bin ihm nicht böse“, sagte Rebeca traurig.
Einen Abend lang suchten wir im Gespräch nach den anderen Kindern aus unserer „Stadt der Kinder“. Wir fanden ein ganzes Netz, eine große Familie mit erfolgreichen Menschen, aber auch manchen, die es nicht so gut geschafft hatten, mit Gescheiterten, die auf der Straße und unter Drogen gestorben waren. Bittere Wermutstropfen in der Freude des Wiederfindens.
Beide Paare baten mich, sie im kommenden Jahr in der Kirche zu trauen. Ich verwies sie an den orthodoxen Pfarrer, sie aber protestierten: „Wir sind bei euch doch katholisch aufgewachsen!“ Wir werden sehen.

Als Johannes der Täufer geboren wurde, fragten alle: „Was wird wohl aus diesem Kind werden?“ Ähnlich hoffnungsvoll und bange waren wohl die Eltern von Jesus im Stall von Bethlehem. Und ich erinnere mich an die Heimfahrt mit den vielen Waisenkindern. Danke, guter Gott, für alle, die du unserer Liebe und Fürsorge anvertraut hast. Und hülle in deine Barmherzigkeit uns alle ein, besonders die, die es schwer haben.