Wir stehen vor einer Wand der Ungerechtigkeit. Je bedrohlicher sie ist, desto wichtiger ist die Frage: Wo ist der oder die eine Gerechte?
Fern sei es von dir, so etwas zu tun: den Gerechten zusammen mit dem Frevler töten. Dann ginge es ja dem Gerechten wie dem Frevler. Das sei fern von dir. Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit üben?
Gen 18,25
Alle werden kommen, schauen, was zu holen ist, und dann spurlos verschwinden. Mehr ist nicht drin … Die Zigeuner wollen nicht arbeiten und nicht lernen, sie haben keine Uhr und halten sich an keine Regel … Wie oft hörten wir diese Sätze, als wir in Nou in kleinen Schritten mit dem Trommelunterricht begannen! Die Dorfbewohner sagten, das Projekt der Musikschule sei eine Träumerei. Wir würden genauso scheitern wie alle anderen, die mit gutem Willen gekommen waren, um armen Familien zu helfen. Die würden bloß alles weiterverkaufen, um einen Schnaps und ein Päckchen Zigaretten.
Wir besuchten die Familien und sahen die unzähligen Kinder, die im Schmutz klebten, nicht in die Schule gingen und den ganzen Tag nichts machten außer Blödsinn. Doch sie waren lebensfroh und voller Energie. Besonders lag mir der kleine Florin am Herzen, rotzfrech, große braune Augen und ein tiefdunkles Gesicht. Wir wurden nicht leicht fertig mit ihm, weil er so unruhig war. Doch wenn er trommelte, war er in seinem Element.
Für die Trommelstunde fehlte uns noch ein Raum, und so fragten wir in der Schule nach, ob man uns am Nachmittag ein Zimmer zur Verfügung stellen könne. Wir durften hinein, die Putzfrau sollten wir bezahlen, und dann kam noch eine Liste, was die Schule brauchen könnte. Zur ersten Trommelstunde kam eine kleine Schar, am nächsten Tag waren es mehr; Tag für Tag kamen neue Kinder, die ein Instrument lernen wollten. Wir bildeten Gruppen und brauchten mehr Klassenzimmer. Da wurde das Projekt dem Direktor unheimlich, er schickte Kontrollen. „Aha, da sind fast nur Zigeunerkinder dabei, die gar nicht in die Schule gehen!“ Nun sollten nur noch Kinder die Schule betreten dürfen, die auch am Vormittag zum Unterricht kamen. Die anderen, die aus der Roma-Siedlung, würden ohnehin nicht dabeibleiben und noch dazu die Räume verwüsten.
Wir lieferten eine Liste mit den Namen der „braven“ Schüler ab und mischten unsere Roma-Freunde darunter mit dem Argument, sie würden auch bald am Vormittag die Schule besuchen. Es war eine langwierige Arbeit, die Geburtsurkunden zu besorgen und die Kinder in der Schule einzuschreiben. Nach und nach kamen die Nachmittags-Kinder auch vormittags zum Schulunterricht – und endlich auch mein kleiner Freund Florin. Er war einer der ersten Klarinettenschüler und spielt heute im ELIJAH-Orchester mit.
Von Abraham lernen wir, zwischen Gerechten und Ungerechten zu unterscheiden. Nicht alle Menschen sind lieb und gut, aber niemals sind alle Menschen in unseren Dörfern schlecht. Es gibt Florin und viele seiner Freunde, die in die Schule gehen möchten – wenn sie eine Chance bekommen. Die Klarinette hat meinen kleinen Freund gerettet. Nach der rabbinischen Lehre ist die Gerechtigkeit der Hauptpfeiler des Thrones Gottes und die Basis aller Ethik. Gerechtigkeit heißt, Schuld zu benennen, aber auch die Unschuldigen zu schützen.
Wir stehen vor einer Wand der Ungerechtigkeit. Je bedrohlicher sie ist, desto wichtiger ist die Frage: Wo ist der oder die eine Gerechte?