Gott lässt mit sich reden
Wenn sich alles gegen dich stellt: Wann wendet sich das Blatt?
Darauf sagte er: Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie nicht vernichten um der zwanzig willen.
Gen 18,31
Florin und Florina kosteten uns alle Nerven. Mit ihren sieben Kindern hausten sie in einer kleinen Blechhütte. Die Eltern waren Analphabeten, Florin ging lieber betteln statt arbeiten, und Florina hatte keine Ahnung von Haushalt. Keines der Kinder hatte je eine Schule besucht. Wir verhandelten mit ihnen: Wenn ihr die Kinder in die Schule schickt, helfen wir euch, ein wetterfestes Haus zu bauen. Sie verstanden zwar nicht, warum ein Kind die Zeit in der Schule verlieren sollte, ließen sich aber auf den Handel ein.
Während gebaut wurde, kamen die Kinder in die Schule, wenn auch mit Unterbrechungen und oft zu spät. Sie waren nicht gewohnt, so früh aufzustehen. Wir mussten nachhelfen, damit die Lehrer die Kinder nicht heimschickten, weil sie voller Läuse waren und nicht lange ruhig sitzen konnten. Nach einem halben Jahr übergaben wir den Eltern das Haus: ein Elternzimmer, ein Kinderzimmer, eine Küche mit Esstisch, ein Bad und WC. Ob sie das sauber halten konnten?
Am Tag, nachdem sie eingezogen waren, kam kein Kind in die Schule. Sie müssen wohl beim Einräumen helfen, dachten wir. Als ich am Nachmittag zum Haus kam, war der Zugang versperrt. Laute Musik war zu hören. Ich klopfte an die Fenster, die so angelaufen waren, dass man nicht hineinschauen konnte. Endlich öffnete Florin, alle waren im überhitzten Raum, mitten in Haufen von Gerümpel sahen sie fern. Ob die Kinder morgen wieder in die Schule kommen würden, wollte ich wissen. Nein, auf keinen Fall! In der Schule würden sie geschlagen und lernten Schimpfwörter. Das sei zu gefährlich. Dann schloss er das Fenster.
Wir versuchten, über die Schule, die Behörden, den Bürgermeister, die Eltern zu zwingen, die Kinder lernen zu lassen. Immer wieder gelang es uns. Einmal hatte der Vater Angst, dass er ins Gefängnis müsse, ein andermal, dass ihnen die Kinder genommen würden. Manchmal kämpften die Kinder sich durch und erreichten, dass sie kommen durften, weil sie dann eine Wurst oder Saft mit nach Hause brachten. Aber das dauerte immer nur kurz, und zu Schulschluss bekam keiner ein Zeugnis, weil sie so oft gefehlt hatten. Doch wir gaben nicht auf. Der älteste Bub, auch er heißt Florin, wollte aus dem Elend ausbrechen und zog zu uns. Er arbeitete mit, es machte ihm viel Freude, besonders als er dafür ein Taschengeld bekam. Aber eines Abends stand der Vater vor der Tür und holte ihn zurück.
Florin ersehnte nur eines: weg! Am 5. Februar, seinem 18. Geburtstag, werde er ausziehen, versicherte er. Ich glaubte nicht mehr daran, dass er es ernst meinte. Aber am Abend des 4. Februar war Florin da. Nun volljährig, zog er in unser Schülerwohnheim in Sibiu; nach einer Woche erfüllte er die Bedingung, eine Arbeit zu haben. Er hilft im „Mesopotamia“ beim Kebab-Verkauf – bis jetzt ohne einen Fehltag. Dann kam der nächste Schritt, Schulabschluss. Es gibt eine Klasse für „spätberufene“ Schüler, die „Zweite Chance“. Tagsüber gehen sie in die Arbeit, am Abend in die Schule. Florin ist eingeschrieben. Wird er durchhalten?
Viel haben wir bei dieser Familie versucht. Zumindest der Älteste hat sich aus der Abwärtsspirale herausgekämpft. Er gibt uns die Hoffnungskraft für die weitere Arbeit mit den schwierigsten Familien. Gott lässt mit sich reden, ja handeln. Schritt für Schritt geht es weiter.