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Himmelschreiendes Unrecht

Wo müssen wir hinschauen und das Gespräch aufnehmen? Mit Opfern und Tätern?

Der HERR sprach: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist angeschwollen und ihre Sünde, ja, die ist schwer.
Gen 18,20

Es war schon Mittag, aber Elena war nicht zur Arbeit in die Küche gekommen. Oft schon war sie spät oder gar nicht erschienen, weil es zuhause Probleme gab. Als die Kolleginnen bereits beim Abwasch waren, kam sie, legte ein Papier auf den Tisch und band sich die Schürze um. „Ich musste zur Polizeistation“, entschuldigte sie ihr Fehlen. Antoaneta, ihre Chefin, nahm das Dokument und las eine unterschriebene Erklärung Elenas: Sie habe in der Nacht das Auto eines Nachbarn entwendet und gefahren und dabei erhebliche Schäden angerichtet. Elenas Blick sagte alles: Ihr Freund war betrunken mit Kumpanen unterwegs gewesen. Nun hatte er sie gezwungen, „sich zu stellen“, damit er keine Probleme bekam. Seine Vorstrafen waren schon genug.
Elena brach in Tränen aus. Was würde passieren, wenn sie ins Gefängnis kam? Wer würde für ihre zwei Kinder sorgen? Er sicher nicht. Am liebsten wäre sie mit den Kindern davongelaufen.
Antoaneta rief einen Polizisten an, den sie kannte, und bat ihn, die Sache in Ordnung zu bringen. Kurz darauf kam er und ging mit Elena auf die Straße, zu seinem Auto. Er bat sie, sich ans Steuer zu setzen, gab ihr den Autoschlüssel und setzte sich auf den Beifahrersitz. „Wir fahren eine Runde durchs Dorf“, trug er ihr auf. Elena starrte ihn bloß wortlos an; sie wusste nicht einmal, wo sie den Schlüssel einstecken sollte. Beide kamen zurück ins Haus. Der Polizist nahm einen dicken schwarzen Stift und strich damit kreuz und quer über das Dokument. „Annulliert. Du bist noch nie Auto gefahren.“ Dann ging er, wahrscheinlich direkt zu ihrem Mann.
Am nächsten Tag kam Elena zur Arbeit, mit geschwollenem Gesicht und blauen Flecken am ganzen Körper. „Das legt sich wieder, er hat sich schon beruhigt“, meinte sie. Wochen vergingen. Elenas Freund war im Ausland, um Geld zu verdienen. Eines Morgens kam sie strahlend und verteilte Zettel mit einer Einladung zur Hochzeit. „Hast du einen neuen Freund?“, fragten alle. „O nein, er kommt zurück und will mich heiraten. Er hat versprochen, dass er sich ändern will. Alles wird anders.“
Einige Tage später kam sie wieder spät zur Arbeit, mit blauen Flecken und zugeschwollenen Augen.

Wir sehen und hören den Hilferuf einer Frau, sie ist abhängig und geschlagen. Wenn ich den Frauen zuhöre, die Zuflucht in unserer Casa Nora suchen, gilt das Wort: „Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist angeschwollen und ihre Sünde, ja, die ist schwer.“ Himmelschreiendes Unrecht geschieht in unseren Dörfern, vor allem an den Frauen. Wer geht hin und schaut, was geschieht? Es ist unsere Aufgabe, uns einzumischen. Das ist nicht immer einfach und gefahrlos. Und doch gilt uns allen der Auftrag an Abraham, Augen und Ohren zu öffnen, zu handeln und zu verhandeln. Es gibt auch lautlose Schreie, denen wir nachgehen müssen.

Wo müssen wir hinschauen und das Gespräch aufnehmen? Mit Opfern und Tätern?