Verlassenheit und Vertrauen – zwei Gründe einer Klage
Ich will hinabsteigen und sehen, ob ihr verderbliches Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist, oder nicht. Ich will es wissen.
Gen 18,21
Es ist Nacht. Das Feuer knistert. Fünfzehn Teenager und ihre Begleiter verfolgen gebannt die tanzenden Flammen. Die Stimmung ist gesammelt. In ihren Händen halten sie ein gefaltetes Blatt Papier. Es sind Briefe an Gott. Eben haben sie diese im abendlichen Versöhnungsgottesdienst verfasst. Den ganzen Tag reflektierten sie ihre Beziehungen mit all ihren Lichtern und Schatten, sind gar hinabgestiegen in dunkle Ecken ihrer Seele oder berührten innere Klageorte. Es ist der zweite Tag der sogenannten „Grundschulung“, ein Kurs der Heranwachsenden die Dynamik der „Geistlichen Übungen“ des heiligen Ignatius vermitteln möchte. Jeder, der in der Ignatianischen Schülergemeinschaft am Berliner Canisius Kolleg eine Aufgabe übernehmen möchte, muss diesen Kurs durchlaufen haben. Die Übungen der Grundschulung fördern wesentlich die Selbstreflexion, sowie den Blick auf Gott und den Nächsten. Zentrale Elemente der mehrtägigen Schulung sind das Schweigen, das Einzelzimmer sowie der Austausch in kleinen Reflexionsgruppen. Ein sehr hoher Anspruch! Aber je besser ich mich selbst kenne und führen kann, desto freier kann ich Verantwortung übernehmen.
Nachdem die Jugendlichen am Vortag Höhen und Tiefen ihres bisherigen Lebenswegs kunstvoll dargestellt hatten, überlegten sie, wie sie Gott dabei begleitet und geführt haben könnte. Auf diesem Fundament stehend, ließ der zweite Tag Raum sich mit dem eigenen sowie dem verderblichen Tun anderer auseinanderzusetzen. Die Herausforderungen dieser Übungen und manch Widerstand waren spürbar, aber sobald es zum Briefeschreiben kam, glitten die Stifte über das Papier. Alles, was sie belastete, durften sie Gott im Schreiben klagen.
Der Wille Gottes, dem Klagen der Menschen nachzugehen, gipfelt heute am Karfreitag in seinem großen Schrei am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! In dem gequälten Leib am Holz nimmt er die tiefe Verlassenheit des Menschen an. Er berührt den Ort, wo er vermeintlich nicht zu finden ist. Wo jeglicher Sinn verloren scheint. Sein Aufschrei löscht die Wucht des Leids nicht aus. Noch erklärt er all das Unheil in der Welt weg. Er durchleidet es ohne göttliche Wundertaten. Er nimmt es an, wie es viele Generationen von gläubigen Menschen vor ihm getan haben. Mit seinem Aufschrei lässt er sich in das überlieferte Klagen seines Volkes fallen. Vers für Vers ringt sich der Psalm 22 hin zu einem Gottvertrauen, das die Maßstäbe unserer Welt sprengt. „So mündet Jesu Verlassenheit in einem tiefen Vertrauen, dass Gott zu Jesus stehen wird und dass er auch im Tod von Gott umfangen bleibt, und in der Gewissheit, dass sein Tod, in dem er seine Liebe bis zuletzt durchhält, zur Heilstat wird für die Menschheit.“ Doch erinnert Anselm Grün in seiner Meditation der letzten sieben Worte Jesu daran, dass wir gehalten sind, den Schrei der Verlassenheit zu meditieren. Unseren Blick hier zu halten und nicht gleich auf das Osterfeuer zu schielen. Sein Klageschrei an den Vater will uns die Zuversicht geben, die eigene Verlassenheit zuzulassen. Den Momenten der Enttäuschung, des Leids, der Einsamkeit ins Gesicht zu blicken und sie Gott zuzuschreien. Auch und gerade, wenn ich von ihm selbst enttäuscht bin. So bringe ich mich ganz in meinem Beten dar, mit all meinen Ängsten, meiner Klage und Anklage. In dieser Klagebewegung kann sich ein belastbares Vertrauen entzünden.
Nacheinander legen wir unsere Briefe ins Feuer und rezitieren dabei singend die Worte des Jesuitenmärtyrers Alfred Delp „Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt.“