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Minderheitenschutz

Wie wird auf Minderheiten in Gruppen Rücksicht genommen? Wie weit dürfen Bedürfnisse einzelner jene der anderen einschränken?

Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.
Gen 18,28

Nicht schon wieder! Gefühlt alle zwei Jahre wird unser Grundkonzept der Jugendarbeit von den älteren, engagierten Jugendlichen in Frage gestellt. Ja, die Trennung der Gruppen in Mädchen und Burschen erscheint nicht zeitgemäß. Warum halten wir an diesem binären System fest? Wird dadurch nicht sexuelle Vielfalt unterdrückt? Fördern geschlechtshomogene Gruppen nicht Klischees und Rollenbilder? Abgesehen von den wöchentlichen Gruppenstunden sind alle weiteren Angebote gemischtgeschlechtlich. Warum also nicht auch diese Treffen? Mit einem achtzehnseitigen Antrag konfrontierte eine fünfköpfige Gruppe das bestehende System. Vor zwei Jahren waren es andere. Sie waren mit dem Beschluss zufrieden, dass die jeweiligen Tandems der Gruppenleiter gemischt sein können, also, dass etwa ein Junge und ein Mädchen eine Jungsgruppe leiten. Sie erhofften durch die Vorbildwirkung Klischeebilder zu brechen. Der Verweis darauf, dass dies früher schon experimentiert worden war und gescheitert war, konnte nicht überzeugen. Seit dem Beschluss wurden aber von den jeweiligen Wahlgremien keine gemischtgeschlechtliche Tandems zugeteilt. Der aktuelle Antrag forderte aber mehr. Das Argument „never change a running system“ wurde als Immunisierungstaktik ausgeschlagen. Selbst wenn fast 90 Prozent der Schülerschaft freiwillig am Programm des Jugendverbands des Berliner Canisius Kollegs teilnimmt, ging es den Antragstellern um eine Gerechtigkeitsfrage. Sie hatten Sorge, dass das System ausgrenzt. Auch wenn der Großteil vor allem der zehn- bis vierzehnjährigen für eine klare Trennung ist, geht es um den Schutz einer vermeintlichen Minderheit und der Brechung von gesellschaftlichen Normen. Dagegen prallten auch pragmatische Argumente ab. Andere Gruppeneinteilungen als die geschlechtliche zum Beispiel würden bestehende Freundeskreise eher trennen und damit die Motivation einer Teilnahme sinken. Die Gruppenkontinuität ist aber zentral für die Persönlichkeitsentwicklung der Grüpplinge und Kern unserer Pädagogik. Deswegen war allen Beteiligten vermittelbar, dass im Sinne des Subsidiaritätsprinzips eine solch grundlegende Frage nicht demokratisch, sondern von der Geistlichen Leitung entschieden wird, in deren Verantwortung die pädagogische Grundausrichtung liegt. Gleichzeitig war mir bewusst, dass dem Anliegen nicht einfach mit einem Traditions- oder Autoritätsargument begegnet werden kann. Hilfreich waren zahlreiche Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie. So finden etwa viele der Aushandlungs- und Integrationsprozesse der Heranwachsenden unter Geschlechtsgleichen statt. Das gilt in aller Regel auch für Menschen, die sich nicht binär einordnen. Auch lassen sich Stereotypen leichter in homogenen Gruppen hinterfragen. Solche und weitere Fachargumente sowie das grundsätzliche gegenseitige Vertrauen führten schließlich zu einem Grundsatzpapier für getrennte Gruppenstunden, das von allen mitgetragen werden konnte. Der Prozess sensibilisierte alle Beteiligten für tiefergehende Herausforderungen. Wie schafft man eine Kultur des Angenommenseins in einem System, das durch seine Zuteilungen vielen in ihrer Entwicklung hilft, aber für einzelne ausgrenzend wirkt? Wie wird auf Minderheiten in Gruppen Rücksicht genommen? Genauso auch umgekehrt. Wie weit dürfen Bedürfnisse einzelner jene der anderen einschränken? Einfache Antworten hierauf verführen schnell zu Ideologien. Es bleibt ein Ringen, das gegenseitiges Vertrauen bedingt.
Abraham vertraut Gott. Er tritt für die Bedürfnisse der wenigen Gerechten ein. Aber soll Gott das Übel der Masse wegen der einzelnen weiterhin zulassen? Wäre die angekündigte Strafe nicht not-wendig? Der Verhandlungsprozess geht weiter.