Wer gibt uns in einer verfahrenen Situation die Kraft, weiterzumachen?
Er fuhr fort, um mit ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.
Gen 18,29
Zwölf Kinder saßen im Kreis, rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Die Erzieherinnen betraten den Raum und setzten sich dazu. Spannung lag in der Luft. Die Probleme im Kinderhaus waren unerträglich geworden. Deshalb diese Krisensitzung.
Die Leiterin eröffnete das Gespräch und berichtete, Ionuz sei mit dem Küchenmesser auf eine Erzieherin losgegangen. Zum Glück sei nichts passiert, aber die Frau fürchte sich und wolle nicht mehr zur Arbeit kommen. Innerhalb von Monaten sei das nun die dritte Kollegin, die weggehe. Ein anderer Vorfall: Andreea habe bei der Kinderschutzbehörde angerufen und behauptet, sie sei nachts ausgesperrt worden. Es kamen Kontrollen, die alles untersuchten und die Mitarbeiterinnen wie Kriminelle behandelten. In den Gesprächen verstrickten sich die Kinder allerdings so sehr in Lügen, dass sie schließlich eingestehen mussten, der Telefonanruf sei für sie ein lustiges Spiel gewesen. Noch viele andere Vergehen zählte die Hausleiterin auf und kündigte dann an, den Tränen nahe, dass man das Kinderhaus schließen müsse, weil keine Erzieherin mehr bereit sei, hier zu arbeiten. Trotz aller Liebe und den vielen schönen Erlebnissen würden die Kinder nicht sehen, was ihnen geboten werde. „Neue Mitarbeiter finden wir keine, niemand will in diese Hölle“, so beschrieb die Leiterin die Lage.
Die Kinder erstarrten. Selbst der halbstarke Ionuz wurde bleich. Er wusste, was es bedeutete, wenn er in die geschlossene Anstalt zurückgehen musste, aus der er weggelaufen war. Lange sagte keiner ein Wort. Die Buben konnten nicht versprechen, sich zu bessern. Ihr nächster Weg nach dem Gespräch würde sie wieder zu den Freunden im Dorf führen, zu Bier und Zigaretten. Anamaria begann zu weinen. Sie war noch zu klein, um bei den provozierenden Aktionen mitzumachen.
In dieser aussichtslosen Situation stand ein Mädchen auf und erhob die Stimme für das weinende Kind. Es war die scheue Marina, die plötzlich zugab, sie habe viel Blödsinn gemacht und verdiene jede Strafe. Aber nicht Anamaria, sie dürfe nicht bestraft werden, sie habe nie etwas Böses gemacht. Hilflos entgegnete die Leiterin: „Aber wer soll für die unschuldigen Kinder da sein? Wir können nicht mehr.“ Nun gingen der wilden Horde die Augen auf. Alle redeten durcheinander, es wurde immer lauter. Die Erzieherinnen sahen sich fragend an. Schwierig waren alle Kinder, zumindest die Größeren. Was würde wohl aus den Kleinen werden? Eine Erzieherin wandte sich an die Kinder: „Habt ihr eine Lösung?“ Anamaria heulte, sie wolle bleiben. Ein Halbstarker nach dem anderen ließ zerknirscht verlauten: „Ich auch, ich auch … bitte gebt uns noch eine Chance!“ Die Leiterin schaute auf das unschuldige Opfer, dachte kurz nach. „Wegen Anamaria wollen wir es noch einmal mit euch versuchen“, versprach sie. Es war noch einmal gut gegangen.
Manchmal geht es in unseren Sozialzentren zu wie in Sodom und Gomorra. Wie in jenen Städten suchen wir die Gerechten, die nicht schuld am Untergang sind. Alle unsere Schützlinge verlangen grenzenlose Liebe, ihre verletzten Seelen aber bringen Unruhe und Zerstörung mit sich. Da braucht es Abraham, der aus der grölenden Horde die Unschuldigen herausfindet und seine Stimme für sie erhebt. Wie die scheue Marina, die plötzlich Mut gezeigt und für das weinende Mädchen gekämpft hat.
In einer verfahrenen Situation gilt es, die paar Guten aus der Masse herauszufinden. Wer gibt uns die Kraft weiterzumachen?