Vermeintliche Enttäuschungen können wahre Größe entpuppen
Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Er sprach: Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen.
Gen 18,32
Ich wollte ihn nicht enttäuschen. Für mich war und ist er ein inspirierender Mitbruder. Schon ein paar Mal habe ich über ihn und sein Werk berichtet. Vor gut dreißig Jahren gründete Greg Boyle von seiner Pfarre Dolores Mission aus das Sozialwerk „Homeboy Industries“. Seit Ende der 80er Jahre war er dort Pfarrer gewesen. Die kleine Kirche liegt mitten im Hotspot drei rivalisierender Gangs in East Los Angeles. Anfang der 90er Jahre gab es im Jahr über 1000 Schusstote. Ein paar ältere Frauen der Gemeinde begannen, an den Tatorten für die Verstorbenen zu beten, und riefen den verlorenen Seelen zu: „You are my son, I do care about you.“ Sie bedrängten den Pfarrer, dass er endlich Arbeit für die Jungs finden sollte. „Nothing stops a bullet like a job“, wurde zum Slogan der ersten Bemühungen. So richtig Fahrt nahm das Projekt mit der Übernahme einer kleinen Bäckerei auf. Von da an durchliefen sie Höhen und Tiefen. Mindestens zweimal wurde es auf wundersame Weise im letzten Moment vor dem Bankrott gerettet. Heute liegt deren Budget bei etwa 50 Millionen Dollar im Jahr. Über 10.000 Menschen wird jährlich geholfen. Mehr als 3000 Tattoos werden von über 20 Ärzten jährlich weggelasert. 24 Therapeuten begleiten die ehemaligen Gangmitglieder auf ihrem Weg zur Heilung und Selbständigkeit. Nur 2% werden nach Absolvierung des Programms wieder rückfällig. Im Vergleich dazu sind es über 65% bei jenen, die einfach nur in überfüllte Gefängnisse weggesperrt werden. Die meisten Angestellten bei Homeboy Industries haben selbst diesen Wandlungsprozess durchlaufen. Um all das Geld aufzutreiben, schreibt Greg Bücher, hält Vorträge an Jesuitenuniversitäten und vielen anderen Orten, organisiert elegante Dinnerpartys für Superreiche und schüttelt die Hände von Barack Obama und Joe Biden.
2019 konnte ich sechs Wochen bei Homeboy Industries aus- und eingehen, deren Workshops besuchen, Menschen begleiten und die innere Struktur kennenlernen. Ich war begeistert. So freute ich mich sehr, als mein Mitbruder wenige Wochen später nach Rom zu einem Jesuitenkongress kam. Ich nutzte die Gelegenheit, lud ihn in meine Kommunität ein und fühlte mich geehrt, als er zusagte. Wir waren dort über 60 Jesuiten aus aller Welt. Möglichst viele sollten aus erster Hand vom Projekt erfahren. Als ich die Einladung aussprach, rechnete ich mit mindestens 20 Zuhörern. Doch je näher das Treffen rückte, desto mehr wuchs die Sorge, dass kaum jemand erscheinen würde. So versuchte ich in unseren Gesprächen während des Kongresses immer wieder anzudeuten, dass es vielleicht nicht ganz so viele Zuhörer sein würden. Von zwanzig auf fünfzehn auf zehn. Aber das schien Greg nicht allzu sehr zu beschäftigen. Mir war es unangenehm. Und wirklich, als wir in den Raum traten, waren gerade einmal vier Mitbrüder da. Ich war enttäuscht. Greg hingegen freute sich, die vier Mitbrüder kennenzulernen. Wer da ist, ist da, meinte er nur und begann das Gespräch. Mich berührte seine ehrliche Freude über die konkrete Begegnung. Kein Hauch von Enttäuschung oder Kränkung war zu spüren. Mir wurde klar, dass ich im Vorfeld meinem Mitbruder eine solche Demut nicht zugetraut hatte und deswegen versucht hatte, mit meinen Andeutungen einer Enttäuschung vorzubeugen.
Vielleicht unterschätzte Abraham auch sein Gegenüber und traute ihm eine solch große Barmherzigkeit nicht zu. Sie musste er erst schrittweise abtasten, um eine vermeintliche Enttäuschung zu vermeiden: von 50 zu 45 zu 40 zu 30 zu 20 zu 10. Gott ließ sich darauf ein.